“Coventry? Hä?” war mein erster Gedanke, als ich den Flyer auf der Homepage sah. “Ist das nicht diese zerbombte Stadt? Was soll das denn mit Kirche zu tun haben?”. Kurz nachgedacht – angemeldet. Zwar hatte ich noch keine genaue Vorstellung von einer Fahrt unter dem Motto Versöhnung, aber Innovation und Veränderung kommt nur durch neue Perspektiven. Also hin.
In den frühsten Morgenstunden traf ich mich halbausgeschlafen mit den anderen Teilnehmern auf dem Lehrerparkplatz des Schulzentrums. Einige unausgeschlafene, unbekannte Gesichter, Eltern die dann doch lieber noch ein paar mehr Umarmungen verteilt haben, die Betreuer, die schnell erneut das Auto unter die Lupe nahmen und meine beste Freundin und ich. Es ging in die Autos. Zuerst ein wenig beklemmt stieg ich ein. Wie wird das hier wohl? - Wen wir kannten? Jeweils eine Person: uns gegenseitig. Insgesamt zwölf Jugendliche von zwei Schulen, der Wilhelmine-Fliedner-Gesamtschule und dem Dietrich-Bonhoeffer-Gymnasium. Ein geteilter Schulhof, wenige gemeinsame Kurse und sonst? Man sieht sich mal hier und da, aber so wirklich kennen wir uns eigentlich nicht.
Nun in einem Auto zusammen zu sitzen, eingequetscht zwischen Taschen, Jacken und Snacks war somit zu Beginn ein wenig befremdlich. Aber hey, wen hat noch keine 12h Fahrt durch halb Europa zusammengeschweißt? Eine biologische Pause hier, eine Essenspause da, durch den Eurotunnel geflitzt und schon angekommen: Begrüßt wurden wir durch einen kühlen Nieselregen und den gewöhnungsbedürftigen englischen Linksverkehr, bei dem einen bei längerem Betrachten ein wenig schummrig wurde. Aber egal, die Musik wurde ein bisschen lauter gedreht und neben Navigationshilfen begann ein Losträllern verschiedener Lieder.
Nachdem wir alle eingecheckt und die traumhaften Zimmer bezogen hatten, machten wir uns auf den Weg. Essen, das von englischem Döner, Pizza und Burger zu indischem Curry reichte, und interessante Fanta-Geschmacksrichtungen, von denen noch niemand jemals etwas gehört, geschweige probiert hatte. Obwohl man sich kaum kannte, fand man für alles ein paar andere, die mitwollten. Ob für einen kleinen Erkundungsspaziergang durch Coventry oder einfach um im Hotelzimmer zu entspannen. Über die nächsten beiden Tage wuchsen wir zusammen. Reden über Kirchenarchitektur in der Holy Trinity Church oder das Aufregen über die ganzen TVs und die Eintrittskosten, um Shakespeares Grab zu sehen, das Hochlaufen zum Warwick Castle, währenddessen einem Karatetricks und Tanzbewegungen beigebracht wurden und das Anprobieren verschiedener Kostümartikel im Museumsshop, nachdem wir festgestellt hatten, dass das Museum geschlossen hatte, ließen uns wie ewig Bekannte fühlen.
Auch das Kennenlernen der englischen Kultur durch Gespräche mit Einheimischen über Fish & Chips, bei denen wir für verrückt erklärt wurden, dass wir nicht London sondern Coventry besuchten, führte zu Gelächter. Neben dem Laufen durch das kalte, windige Wetter, bei dem der ein oder andere fluchte, nachdem er in eine Pfütze getreten war, war natürlich jedem der Kern der Reise bekannt: Die Coventry Cathedral. Vor allem nachts war es ein fast magischer Anblick: Das Mondlicht fiel durch die Ruinen, die hohen Tore riefen nur danach hereinzublicken, eine unwirkliche Stille hing über dem, was einst ein Gotteshaus war.
Die beleuchtete Statur des Erzengel Michaels, der über Satan siegte, brachte uns in stilles Gedenken über Gott und die Welt. Natürlich durften wir die Cathedral nicht nur von außen bestaunen: Sarah, eine englische Pastorin aus dem niedlichen Dörfchen Allesley, führte uns durch die Überreste und zeigte uns die neue Cathedral, deren Grundstein von Queen Elizabeth gelegt wurde. Eine wahrhaftig anmutige Kathedrale mit riesigen getönten Fenstern, durch die das Licht von außen strömte. Gelb, Grün, Rot, und ganz zentral: Eine Jesus-Abbildung, die in die Höhe reichte. Menschen, die uns einluden mit ihnen zu beten und zu gedenken, Orgelspiel, dessen Töne durch die Räume hallte und das Gedenken an all das, was Nazideutschland zu verantworten hat.
Wir trafen andere Gemeinden, besuchten den Gottesdienst und staunten über die modernen Lieder und die Offenheit der Gemeinde. Wohin man sich auch nur drehte, wurden wir von einem Lächeln oder einem “Thank you for being here” gegrüßt. Während der Einführung zur Predigt wurden wir aufgefordert, drei Fragen an jemanden, der gerade mit in der Kirche saß, zu richten. Wir sprachen mit Alten, mit Jungen, Kindern und uns gegenseitig. Die Predigt zum Thema, was man gegen Entmutigung tun kann, war befreiend und frisch, von der Vortragsweise bis hin zu der rhetorischen Gestaltung unterhielt und lehrte sie uns neue Herangehensweisen, wenn man sich mal “down” fühlte. Auch beim Singen verschiedener Lieder überraschte uns nicht nur, wie kraftvoll und laut die Gemeinde sang, sondern insbesondere auch die Aktualität der Lieder (das älteste Lied war aus 2012). Nach diesem Einblick wurden wir von der Gemeinde direkt weiter mitgenommen und zu TeaTalk (Neologismus: Tee und Gespräche) eingeladen. Sinnstiftende Gespräche und Diskussionen folgten auch, als wir nachmittags zu der Jugendgruppe der Gemeinde “Alpha One” eingeladen wurden.
Mit deutscher Überpünktlichkeit trafen wir ein und versammelten uns um einen Tisch. Nach kurzen Überbrückungsgesprächen und Porträtmalereien trafen dann die eigentlichen Mitglieder der Jugendgruppe ein. Wir bekamen durch Pearl, eine Jugendliche, die die Gruppe leitet, eine kleine Einführung, bevor ein YouTube-Video angemacht wurde. Ich schaute instinktiv und ein wenig perplex die Anderen am Tisch an: “Wie? Schauen wir jetzt einfach ein Video?”, aber wir ließen uns trotzdem drauf ein. In dem gezeigten Video wurden verschiedene Fragen in Form von Interviews geöffnet und thematisiert, bevor es dann unsere Zeit war, miteinander in den Austausch auf der Suche nach Antworten zu kommen. Diese Fragen reichten von “Was gibt einem Kraft?” zu "Was ist “böse”?" und was man unter dem Begriff versteht. Auf elegante Weise brachte das Video Themen an, die uns nahstanden, wie die Sozialen Medien, aktuelle Ereignisse oder stereotypische Teenager-Sorgen.
Über kurz oder lang musste jedoch auch unser diese Fahrt zu Ende gehen. So sammelten wir uns nach den letzten Spaziergängen durch die Stadt, die letzten Kartenspielrunden und den letzten tiefen Gesprächen wieder morgens an den Autos. Nun noch weniger ausgeschlafen, aber durch das Frühstücksbuffet gestärkt, begann die Rückreise von einem Ort, der niemals in Vergssenheit geraten soll.
R. E. Aktas
